
Ich will euch einmal etwas von meinem Tag erzählen:
In der Nacht, während der Arbeit, sehe ich, wie mein Kollege – derjenige, der mir nicht gerade wohlgesonnen ist – heimlich hinter mir herfährt und meine Arbeit kontrolliert. Als ich ihn zur Rede stelle, serviert er mir eine Ausrede, die ich ihm niemals glaube. Unser Vorgesetzter vermutlich schon. Ich ärgere mich halb ohnmächtig. Als ich endlich Richtung Feierabend fahren möchte, beginnt ausgerechnet die Müllabfuhr damit, die Tonnen in einer Sackgasse zu leeren. Ich verliere bestimmt zwanzig Minuten durch sinnloses Warten. Es ist zum Verrücktwerden. Zu Hause brennt mir dann auch noch das Essen an, weil ich für einen kurzen Augenblick ins Bad gehe. Am Nachmittag ruft meine Mutter an, um mir Vorwürfe zu machen, warum ich nie Zeit habe und dass ich sie und Papa doch auch einmal zum Arzt fahren könnte. Klar, einmal in dieser Woche – schließlich hatte ich bereits letzten Mittwoch und Freitag ihren Chauffeur gespielt. Als wäre das alles noch nicht genug, hat Pantteri auf den Teppich gekotzt, und draußen klettert das Thermometer auf über 30 Grad.
Akuter Stress vs. chronischer Stress
Man könnte jetzt sagen, dass ich einen dieser Tage beschreibe. Einen dieser Tage, an dem einfach alles schiefgeht – und doch scheint morgen meist schon wieder die Sonne. In diesem Fall sprechen wir von akutem Stress.
Auch diese Form von Stress kann unangenehme Folgen haben. Während einer solchen Phase können Magen- und Darmprobleme auftreten (was ich nur bestätigen kann), Kopfschmerzen entstehen oder die Sorgen einem schlaflose Nächte bereiten. Und doch – und das ist das Gute daran – ist ein Ende in Sicht. Ist die stressige Phase, beispielsweise durch das Ende einer Beziehung, einen unangenehmen Jobwechsel oder eine schwere Prüfung, überstanden, normalisiert sich das Leben größtenteils wieder und die harte Zeit bleibt nichts weiter als eine üble Erinnerung.

Kommen wir nun zu unserem wirklich harten Gegner: dem chronischen Stress, der nichts Gutes im Schilde führt.
Das ist die Form von Stress, die mich an das Ende meiner Kräfte gebracht und schließlich zum Nachdenken bewegt hat. Wenn – wie in meinem Fall – am Arbeitsplatz immer größere Anforderungen gestellt werden, Überstunden an der Tagesordnung sind und man außerdem ausschließlich in der Nachtschicht arbeitet – und das an sechs Tagen in der Woche –, kommt irgendwann der Punkt, an dem nichts mehr geht. Bei der Firma, in der ich angestellt bin, wird aus meiner Sicht ein Klima geschaffen, in dem Mitarbeitende gegeneinander ausgespielt werden. Immer wieder wird mit dem Verlust des Arbeitsplatzes gedroht, weil Kollege XY angeblich viel mehr in deutlich kürzerer Zeit schafft. Aus Sorge um den eigenen Arbeitsplatz entsteht so eine feindselige Atmosphäre, die den Arbeitsalltag vergiftet.
Doch auch viele andere Lebenssituationen können chronischen Stress auslösen, wenn man einen geliebten Angehörigen rund um die Uhr pflegt und sich dabei selbst verliert. Oder wenn Familie und Karriere gleichzeitig bewältigt werden müssen. Gerade Versagensängste und die Sorge, den eigenen Kindern niemals gerecht zu werden, können zu einer enormen seelischen Belastung werden.
Zusätzlich zu den bereits genannten Beschwerden können weitere Symptome auftreten, darunter Muskelverspannungen, Gewichtszunahme, Appetitlosigkeit oder, wie in meinem Fall, Heißhungerattacken und erhöhter Blutdruck. Und das sind nur einige der möglichen Folgen.
Die Übeltäter, denen wir diese körperlichen Reaktionen zu verdanken haben, sind vor allem die Stresshormone Adrenalin und Cortisol. Dem Cortisol möchte ich übrigens ganz besonders danken, denn diesem unsichtbaren Freund verdanke ich meinen runden Kugelbauch.

Das vegetative Nervensystem – Freund oder Feind?
Wer ist eigentlich dieses vegetative Nervensystem? Es arbeitet völlig autonom und unwillkürlich – also ganz ohne unser bewusstes Zutun. Da es uns aber leiden kann, steuert es verantwortungsvoll unsere Atmung, den Stoffwechsel, die Verdauung und den Blutdruck. Dabei arbeitet es eng mit dem Zentralnervensystem zusammen. Dieses ist gewissermaßen die Schaltzentrale unseres Körpers und ermöglicht uns unter anderem, Bewegungen bewusst zu steuern.
Das vegetative Nervensystem hingegen ist ein wenig der Punk unter den beiden: Es trifft seine Entscheidungen eigenständig und kümmert sich um alles, was automatisch funktionieren muss, damit wir überhaupt leben können. Dieser Punk unterteilt sich wiederum in drei Bereiche. Für unser heutiges Thema interessieren uns allerdings nur zwei davon: der Sympathikus und der Parasympathikus.
Beide verfolgen dasselbe Ziel: unseren Körper im Gleichgewicht zu halten.
Sympathikus und Parasympathikus
Lust auf ein wenig Biologie? Keine Sorge, ich hasse Naturwissenschaften auch und halte es so kurz wie möglich! Der Sympathikus entspringt im Brust- und Lendenbereich unseres Rückenmarks und verteilt seine Nervenfasern wie Tentakel im ganzen Körper. Sie ziehen unter anderem zum Herzen, zu den Blutgefäßen, den Augen, dem Magen-Darm-Trakt, den Bronchien, der Harnblase, den Speicheldrüsen und den Geschlechtsorganen. Kurz gesagt: Der Sympathikus macht sich ziemlich breit in unserem Körper.
Und was macht er da? Er mobilisiert Energie. Wollen wir das einmal an einem verständlichen Beispiel erklären? Stell dir vor, du musst zu einer wichtigen Präsentation, von der deine Zukunft und deine Karriere abhängen. Und was passiert? Die Bahn hat – wie so oft – Verspätung. Der Sympathikus empfindet das als akute Bedrohung und reagiert sofort. Dein Herz schlägt wie verrückt, du atmest schneller und flacher, dein Blutdruck schießt in die Höhe. Für den Sympathikus stellt sich nur eine Frage: Fight or Flight? Damit deine Muskeln im Ernstfall optimal arbeiten können, wird ihre Durchblutung verbessert. Gleichzeitig werden andere Körperfunktionen, die in diesem Moment nicht überlebenswichtig sind, heruntergefahren. Es wäre schließlich wenig hilfreich, wenn sich ausgerechnet jetzt dein Darm oder deine Blase melden würden. Zu guter Letzt weiten sich noch deine Pupillen – was dich vermutlich etwas irre aussehen lässt – und deine Schleimhäute trocknen aus.

Gehen wir nun einmal ein paar Tausend Jahre zurück. Damals, bei einer Begegnung mit einem Wollnashorn oder einem Säbelzahntiger, waren all diese Reaktionen überlebenswichtig. Heute hingegen sind sie häufig eher kontraproduktiv. Zurück zu unserem Termin: Wir werden weder mit unserem Chef noch mit den anderen wichtigen Personen kämpfen, die auf unsere Präsentation warten, noch werden wir schreiend vor ihnen davonlaufen. Beides wäre ziemlich sinnfrei. Leider bedeutet das für unseren Körper nichts Gutes, denn die mobilisierte Energie wird kaum verbraucht. Bleibt das häufiger so, wird der Körper dauerhaft belastet.
Kommen wir jetzt zum Parasympathikus, der eigentlich in der anderen Mannschaft spielt. Er ist der Gechillte, der für Ruhe, Erholung und Regeneration sorgt. Auch er verteilt seine Nervenfasern im Körper, allerdings entspringen sie überwiegend im Hirnstamm und im Kreuzbeinbereich des Rückenmarks. Der wichtigste parasympathische Nerv ist der Vagusnerv – unser zehnter Hirnnerv. Er hat einen echten Full-Time-Job, denn er beeinflusst die Funktion fast aller inneren Organe. Nachdem unser Wollnashorn wieder friedlich seiner Wege gezogen ist, übernimmt der Parasympathikus. Er sorgt dafür, dass sich der Körper wieder beruhigt. Der Blutdruck sinkt, die Atmung wird ruhiger und der Herzschlag verlangsamt sich. Auch Verdauung und Blasenfunktion werden wieder aktiviert. Jetzt darf der Körper Energie speichern, regenerieren und Kraft für die nächste Herausforderung sammeln.
Leiden wir jedoch unter chronischem Stress, bleibt der Sympathikus dauerhaft aktiv, während der Parasympathikus seine ausgleichende Wirkung nicht mehr ausreichend entfalten kann. Dadurch gerät das vegetative Nervensystem aus dem Gleichgewicht. Der Körper findet nicht mehr richtig in den Erholungsmodus zurück – und genau daraus können die bereits beschriebenen Beschwerden entstehen.
Wenn zwei sich streiten, freut sich nicht immer der Dritte
Wenn Sympathikus und Parasympathikus sich nicht einigen können, gehst du leider nicht als Sieger aus ihrem Konflikt hervor. Ganz im Gegenteil: Auf lange Sicht kann dich dieses Ungleichgewicht krankmachen. Warum das so ist, lässt sich ganz einfach erklären: Wenn etwas dauerhaft unter Spannung steht, bricht oder reißt es irgendwann. Das gilt – zumindest im übertragenen Sinne – auch für uns Menschen.
Bei chronischem Stress befinden sich dauerhaft erhöhte Mengen der Stresshormone Cortisol und Adrenalin in unserem Blut. Cortisol wird in der Nebennierenrinde gebildet und soll den Körper kurzfristig leistungsfähiger machen sowie Entzündungsreaktionen regulieren. Problematisch wird es erst, wenn dieses Stresssystem ständig aktiv bleibt. Dann erhält die Nebenniere über die Schaltzentralen im Gehirn immer wieder das Signal, weiter Cortisol auszuschütten, obwohl längst keine echte Lebensgefahr mehr besteht.
Auch die Regulation von Botenstoffen wie Serotonin kann aus dem Gleichgewicht geraten. Die Folge: Manche Menschen reagieren gereizter, erschöpfter oder entwickeln depressive Verstimmungen. Gleichzeitig können chronischer Stress und dauerhaft erhöhte Cortisolspiegel Entzündungsprozesse im Körper begünstigen. Dadurch steigt unter anderem das Risiko für Muskelverspannungen, Gelenkschmerzen, Magenschleimhautentzündungen, Magengeschwüre, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Migräne. Kurz gesagt: ein buntes Potpourri an Dingen, die wirklich niemand gebrauchen kann.
Und wenn du jetzt glaubst, deine Rücken- und Muskelschmerzen kämen ausschließlich vom krummen Sitzen oder vom vielen Stehen auf der Arbeit, kann ich dich beruhigen – zumindest ein wenig. Sie können nämlich auch dadurch entstehen, dass dein Körper unter dauerhaftem Stress die Muskulatur ständig in erhöhter Spannung hält. Ob das die Sache besser macht? Vermutlich nicht. Schmerzen sind schließlich Schmerzen.
Als ob das noch nicht genug schlechte Nachrichten wären, beeinflusst chronischer Stress außerdem unseren Fettstoffwechsel. Tatsächlich stellt unser Körper rund 90 Prozent des benötigten Cholesterins selbst her – sorry, wir Veganer müssen dieser Tatsache leider ins Auge sehen. Gerät dieses System aus dem Gleichgewicht, kann sich das ungünstig auf die Blutfettwerte auswirken. Eine traurige Erkenntnis, die ich enttäuschenderweise nicht nur in der Theorie, sondern auch im täglichen Kampf mit meiner verlogenen Waage beobachten durfte.

Und warum fühlen wir uns auch noch down?
Als ob die ganzen Nebenwirkungen unseres stressigen Alltags nicht schon reichen würden, kommt auch noch die Psyche hinzu. Funktionsstörungen auf emotionaler und kognitiver Ebene quälen uns ebenfalls.
Soll ich euch einmal einige Beispiele nennen? Aggressivität, Ängste, Schlaflosigkeit, anhaltende Erschöpfung, Unsicherheiten, innere Unruhe, Nervosität und Gedächtnisprobleme – um nur einige zu nennen. Gruselig, oder?
Wenn wir dauerhaft unter Stress stehen, sind wir irgendwann auch emotional völlig erschöpft. In meinem Fall macht sich das häufig dadurch bemerkbar, dass ich kaum noch die Kraft finde, meine sozialen Kontakte zu pflegen. Ich habe keine Lust mehr auf Sport, obwohl er früher eine große Leidenschaft von mir war. Hinzu kommen die körperlichen Beschwerden, die einem zusätzlich den Spaß verderben.
Aber auch ganz normale Dinge, wie ein Kaffee bei der Nachbarin, ein gutes Buch zu lesen oder meine Eltern zu besuchen, fallen mir dann oft unerträglich schwer. Das macht traurig und verstärkt die Versagensängste. Man befindet sich in einer Spirale, aus der man glaubt, nicht mehr herauszukommen.
Und seien wir ehrlich: Gerade mit zunehmendem Alter fällt es vielen von uns schwerer, sich von anhaltendem Stress zu erholen. Eigentlich bräuchten wir mehr Ruhe, mehr Schlaf und mehr Zeit zum Abschalten – doch genau das gönnen wir uns in stressigen Lebensphasen meist als Letztes.
Häufige Folgen vom Stress, kurz zusammengefasst:
- Die häufigsten Folgen von chronischem Stress
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Magen-Darm-Erkrankungen
- Stoffwechselstörungen (z. B. erhöhte Blutzucker- und Cholesterinwerte)
- Muskelverspannungen
- Spannungskopfschmerzen und Migräne
- Geschwächtes Immunsystem
- Erschöpfung
- Leistungsverlust
- Konzentrationsstörungen
- Schlafstörungen
- Ängste
- Aggressivität
- Nervosität und innere Unruhe
Fazit
Nun haben wir eine Menge darüber gelernt, was Stress mit uns und unserem Körper anstellen kann. Mich persönlich haben sowohl meine Recherchen als auch der Unterricht in meiner Ausbildung zum Stress- und Burn-out-Coach sehr nachdenklich gemacht. Man versucht, so viel für seine Gesundheit – immerhin unser höchstes Gut – zu tun, und doch werden die Folgen von dauerhaftem Stress oft unterschätzt oder sogar völlig ignoriert. Dabei können manchmal schon kleine Veränderungen im Alltag einen großen Unterschied machen und uns helfen, wieder besser auf uns selbst zu achten.
Genau darum wird es in meinem nächsten Blogbeitrag gehen, den ich euch hier natürlich verlinken werde. Wir schauen uns gemeinsam an, welche kleinen und großen Stellschrauben wir in unserem Leben verändern können, damit es uns wieder besser geht. Für heute werde ich mich erst einmal mit Pantteri und Matti in meinen Relaxsessel setzen und ganz bewusst … nichts tun.
Oder ich gehe, trotz der Hitze, hinaus in den Wald, auch wenn ich mir bei über 30 Grad nicht sicher bin, ob mich ein Hund begleiten wird. Lest doch dazu auch meine kleine Naturgeschichte, vom Frühling:
Wollt ihr etwas mehr über dieses Thema erfahren? Hier findet ihr externe Links:
